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Jung – links – weiblich: Finnische Vorbilder

Finnische Vorbilder

Die neue, von vier Frauen angeführte Regierung in Helsinki tritt für einen Stil in der Politik an. Ein paar Männer gibt es auch im Kabinett

Von Inken Paletta

15.12.2019 – DER HAUPTSTADTBRIEF am Sonntag in der Berliner Morgenpost

Inken Paletta ist Finnlandexpertin und Autorin des Blogs finntastic.de Sie schreibt für die Deutsch-Finnische Rundschau und Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

Finnland hat geschafft, was sowohl anderswo als auch in Deutschland seit Jahren zur Diskussion steht, faktisch aber noch immer in weiter Ferne liegt. Die Rede ist von einem Generationenwechsel in der Politik. Und dieser ist zu aller Überraschung auch noch weiblich.

DPA/LEHTIKUVA

Gruppenbild, nur Damen: Die neue finnische Regierungschefin Sanna Marin (2. von rechts) mit der Bildungsministerin Li Andersson (links), der Finanzministerin Katri Kulmuni und der Innenministerin Maria Ohisalo (rechts)

Die 34-jährige Sozialdemokratin Sanna Marin, die bisherige Verkehrs- und Kommunikationsministerin, hat sich nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Antti Rinne bei einem Votum der Sozialdemokraten gegen ihren gleichaltrigen Mitstreiter Antti Lindtman mit knapper Mehrheit durchgesetzt und wurde vorige Woche zur neuen Regierungschefin der amtierenden Mitte-links-Regierung gewählt. Sie ist damit nicht nur Finnlands jüngste Regierungschefin, sondern auch die jüngste Frau weltweit an der Spitze einer Regierung. Aber damit nicht genug: Auch die anderen Parteivorsitzenden der vier mitregierenden Parteien sind weiblich, vier davon sogar jünger als 35 Jahre. Ebenso verzeichnet Marins gesamtes Kabinett mit elf Ministerinnen und sieben Ministern einen sichtbaren Frauenüberschuss.

Für die Welt eine Sensation, für Finnland keine Überraschung. Denn Gleichstellung auf staatlicher und nichtstaatlicher Ebene ist fester Bestandteil der finnischen Verfassung und wird in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik entsprechend gefördert. Dazu wurde auch das Gleichstellungsgesetz von 1986 mehrfach angepasst und erneuert. Und natürlich spielt auch das Wohlfahrtsstaatssystem mit seiner flächendeckenden Kinderbetreuung eine entscheidende Rolle dabei, dass neben einer hohen Frauenerwerbsquote und einem hohen Anteil von Frauen in Führungspositionen auch viele junge Frauen sich aktiv in der Politik engagieren können.

Doch ein ganz entscheidender Grund versteckt sich in der Geschichte Finnlands: Die Finnen waren das erste europäische Land, das bereits 1906 Frauen das aktive und passive Wahlrecht verlieh. Zum Vergleich: Deutschland zog erst 1918, also über zehn Jahre später nach. Dass dies so früh geschah, lag auch daran, dass es in Finnland bereits damals eine sehr aktive Frauenrechtsbewegung gab, zu deren wichtigsten Vertreterinnen die finnische Schriftstellerin Minna Canth (1844-1897) zählt. Sie setzte sich auch stark dafür ein, dass Mädchen die Schule besuchen konnten und damit früh gleichen Zugang zu Bildung bekamen – ein entscheidender Faktor auf dem Weg zur Gleichberechtigung. Ihr zu Ehren wird jedes Jahr am 19. März der Minna-Canth-Tag als Tag der Gleichberechtigung gefeiert. Bereits 1907 zogen nach der Parlamentswahl erstmals 19 Frauen ins finnische Parlament ein. Eine von ihnen war Miina Sillanpää (1866-1952), die von jenem Tag an 40 Jahre im Parlament saß und 1926 als Sozialministerin die erste Frau war, die ein finnisches Ministeramt bekleidete. Zudem hatte Finnland mit Tarja Halonen, der Vorgängerin des amtierenden Präsidenten Sauli Niinistö, bereits ab 2000 zwölf Jahre lang eine Frau an der Spitze. Sie setzte sich ebenfalls für soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, aber auch für Toleranz und die Rechte von Minderheiten ein. Sicher wäre sie auch für eine dritte Amtszeit wiedergewählt worden, wenn das finnische Gesetz nicht vorsehen würde, dass nur zwei Amtszeiten in Folge erlaubt sind.

Sanna Marin und ihre Mitstreiterinnen, Finanzministerin Katri Kulmuni (Zentrumspartei, 32 Jahre), Bildungsministerin Li Andersson (Linke, 32 Jahre), Innenministerin Maria Ohisalo (Grüne, 34 Jahre) und Justizministerin Anna-Maja Henriksson (Schwedische Volkspartei, 55 Jahre) setzen somit eine lange Tradition weiblicher Power in der Politik fort. Möglich ist so eine junge, weibliche Regierung sicher auch deshalb, weil Finnland auf sein Bildungssystem vertraut und jungen Frauen, ja, allgemein jungen Leuten etwas zutraut – ein Vorbild für Deutschland?

Für die Sozialdemokratin Marin spielt dann auch die Frage nach Geschlecht und Alter keine Rolle. Für sie seien vor allem die Gründe entscheidend, die sie in die Politik gebracht haben. Dazu gehört vor allem, soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung und Toleranz voranzubringen. Ihre Nominierung kann auch als deutliches Zeichen gegen den Rechtsdruck gesehen werden, der auch in Finnland zugenommen hat.

Auch wenn es sicher einige Menschen gibt, die Sanna Marin aufgrund ihres Geschlechts und jungen Alters belächeln: In den Schoss gefallen ist das Amt der selbstbewussten jungen Frau, die selbst Mutter einer fast zweijährigen Tochter ist, ganz sicher nicht. Denn Marin wuchs in einem Arbeitermilieu auf. Ihre Mutter war alleinerziehend und lebte später in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung. Marin selbst kennt sowohl finanzielle Entbehrungen als auch das Problem der gesellschaftlichen Stigmatisierung aus eigener Erfahrung. Ihr Studium der Verwaltungswissenschaften hat Marin 2017 an der Universität Tampere abgeschlossen – sie ist die Erste in ihrer Familie mit einem Hochschulabschluss. Ihr Studium finanzierte sie sich mit Nebenjobs und engagierte sich schon damals aktiv politisch. Mit 27 Jahren wurde Marin in den Stadtrat von Tampere, der drittgrößten Stadt Finnlands, gewählt, dessen Vorsitz sie von 2013 bis 2017 übernahm. 2014 wurde sie auch zur stellvertretenden Vorsitzenden der sozialdemokratischen Partei ernannt und vertrat bereits den Parteivorsitzenden Antti Rinne während einer längeren krankheitsbedingten Abwesenheit. Seit 2015 sitzt sie zudem als Abgeordnete im finnischen Parlament, und seit Juni 2019 bis zu ihrer Wahl zur Ministerpräsidentin hatte sie das Amt der Verkehrs- und Kommunikationsministerin inne. Marin bringt nicht nur politische Erfahrung, sondern auch Lebenserfahrung mit, die ihrer Arbeit als Ministerpräsidentin sicher zugutekommen wird. Die Stärkung des Sozialstaats, die Förderung der Gleichberechtigung der Bürger unabhängig von Geschlecht, Hintergrund oder Alter stehen dabei ganz oben auf ihrer Prioritätenliste. Doch auch im finnischen Wohlfahrtsstaatssystem gibt es an vielen Stellen Verbesserungsbedarf. So wird es zum Beispiel für die neue, junge Regierung eine Herausforderung sein, den noch immer vorhandenen „Gender-Pay-Gap“, also die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern, zu schließen.

Nichtsdestotrotz sollte nicht nur Deutschland einmal über den Tellerrand schauen und zur Kenntnis nehmen, dass es an der Zeit ist, auch höhere, politische Posten einmal durch Jüngere zu besetzen und vor allem jungen Menschen zu ermöglichen, etwas in der Politik zu bewirken. Denn das würde ganz sicher auch verstaubte Strukturen aufbrechen und neuen Wind und Ideen in die Entwicklung unserer Wirtschaft und Gesellschaft bringen.

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